Dr. Barbara Niedner

Verhaltensbiologie & Führung

Beobachten: Reden und Tun sind zwei Paar Stiefel

“Wer genauer hinschaut,
bekommt mehr mit.”

Als Verhaltensbiologin beobachte ich das Verhalten von Menschen, statt sie nur zu befragen.

In der Wirtschaft und der Psychologie werden viele Umfragen gemacht, die Inhalte werden mit Nullen und Einsen codiert. Da menschelt es viel, weil sich jede Person anders äußert, etwas anderes meint und nicht immer alles offen ausspricht. Vieles läuft unbewusst ab. Das lässt sich beobachten, aber beim Befragen nicht einfangen.

“Durch Beobachten erfassen Sie das Komplexe, Sie schulen Ihr Gespür für Situationen und das Menschliche.”

Beobachten Sie scharf! Reden und Tun klafft erstaunlich weit auseinander

Für meine Flirtstudie in Münchner Kneipen habe ich zig Tipps erhalten, wo in München geflirtet wird.* Alle reden davon, wo sie überall flirten, und ich beobachtete in diesen In-Kneipen erst mal gar nichts. Fast hätte ich mein Forschungsthema geändert in »Einsamkeit in der Großstadt«. Personen vermeiden den Blickkontakt zu Fremden und sprechen nur mit Bekannten.

Was kann ich also ändern, damit ein Raum, ein Ort, eine Kneipe den Austausch unter Fremden beflügelt ‒ wie kann ich sie sozusagen stoppen, damit sie miteinander reden, statt aneinander vorbeizulaufen?

“In meinen Studien haben sich über 70 % der Flirts mit Fremden in der Bewegung ergeben.”

Im Sitzen reduzieren sich die Chancen, die Traumpartnerin oder den Traumpartner neben sich zu haben. Auch über Kontaktanlässe nachzudenken hilft: Der Ausfall eines Fahrstuhls bewirkt Wunder. Auf einmal treffen sich im Unternehmen alle im Treppenhaus und haben einen Anlass, miteinander zu kommunizieren, das Komplexe und das Menschliche daran zu begreifen.

Im Unternehmen reden alle über XY und tun aber, wenn Sie genau beobachten, etwas ganz anderes. Papier ist sehr geduldig. Auf Nachfrage kommt dann gerne »Ja, das steht da, aber …«. Auch Befragungen über das Kaufverhalten spiegeln oft nicht das wider, was tatsächlich gekauft wird. So sind viele in Befragungen für Elektromobilität, aber die Statistik der Zulassungen spricht eine andere Sprache.

Denken Sie daran: In Planung und digitalen Systemen steckt das, worüber alle reden, aber nicht das, was sie wirklich tun.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch
Agil ohne Planung: Wie Unternehmen von der Natur lernen können
Seite 133 bis 135

Tipp: Gehen Sie raus in die freie Wildbahn!

Früher wurden Primaten im Zoo beobachtet, Jane Goodall ist neugierig in den Urwald gezogen und hat beobachtet, wie frei lebende Schimpansen sich in ihrem natürlichen Umfeld verhalten.** Der Kontext Zoo ist wie ein Gewächshaus ‒ der Urwald der wirkliche Lebensraum. Gehen Sie im Unternehmen auf die Pirsch und lernen Sie zu beobachten, was in Meetings hinter den Kulissen, dem gesprochenen Wort und der Schrift, läuft.

Natürlich nonverbal, ohne erst mal die Leute zu fragen: Wer hat Einfluss in einer Gruppe? Wem folgen die Menschen? Welche Meinung werden sie teilen? Es ist immer nützlich zu erkennen, wer die natürliche Autorität in einer Gruppe innehat und wer einfach nur abnickt und sich später nicht an das Besprochene hält. Auf diesem Weg lernen Sie außerdem, Einfluss in einer Gruppe zu gewinnen und für andere neue Perspektiven jenseits des Tellerrandes sichtbar zu machen.

Beobachten Sie vor allem Ihre Kunden in der »freien Wildbahn«. Ergründen Sie ihre Motive und ihr Verhalten. Seien Sie als Einkäufer oder Einkäuferin vor Ort und erobern Sie neugierig die Produktionsanlagen, beobachten Sie dabei auch die Beschäftigten beim Lieferanten. Vor Ort gewinnen Sie andere Eindrücke, als wenn Sie vorm Rechner endlose Zahlenkolonnen studieren.

Hohe Alphatiere, die mit Ankündigung ein Produktionswerk besuchen, sehen extra für sie Vorbereitetes, besonders Hergerichtetes, den roten Teppich. Doch sie sehen nicht, was wirklich läuft. Mein Doktorvater Irenäus Eibl- Eibesfeldt hat verschiedene Naturvölker in ihrem natürlichen Kontext gefilmt. Menschen, die sich beobachtet fühlen, fotografiert oder gefilmt werden, verändern jedoch schlagartig ihr Verhalten und lächeln in die Kamera. Deshalb hat er einen Spiegel vor die Kamera montiert und konnte so ganz unbemerkt um die Ecke filmen und das Geschehen einfangen. Lassen Sie sich nicht zu viel Theater vorführen ‒ das verfälscht die Beobachtung. Finden Sie Wege, die  natürlichen Abläufe in Ihrem Unternehmen zu beobachten. Schauen Sie einfach mal sporadisch im Werk oder in anderen Bereichen vorbei.

“Erforschen Sie auch Unsinniges: Eine Sache kann »im Teller denkend« unbrauchbar, aber außerhalb ‒ in einem anderen Kontext betrachtet ‒ sehr nützlich sein.”

Das gilt auch für Menschen und Produkte: Hinterfragen Sie im Unternehmen, wer oder was in welchem Kontext überlebensfähig ist. Manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wären an einem anderen Platz mit einer anderen Aufgabe viel besser aufgehoben. Und immer wieder gibt es Produkte, bei denen eine vielversprechende Zielgruppe oder sinnvolle Einsatzgebiete verpasst werden, weil wir uns vor lauter Marktforschung und Berichten in ein bestimmtes Vorgehen verbissen haben.

Das ist beim Beobachten wichtig:

  • Neugier statt Kontrolle: Seien Sie ehrlich interessiert, etwas Neues zu erfahren. Halten Sie sich dazu an, wertfrei zu bleiben. Je mehr Regeln und eigene Erwartungen wir haben, desto mehr regt sich ein inneres Urteil. Gerade wenn Sie etwas beobachten, das so nicht sein sollte oder besser geht, regt sich der Impuls einzugreifen. Doch Ihr Auftrag ist gerade das Beobachten! Durch das Beobachten des menschlichen Verhaltens, der Interaktionen und der Körpersprache schulen Sie Ihre Intuition ‒ und erhalten für später wichtige Informationen, um mit dem Beobachteten weiterzuarbeiten.
  • Wahrnehmen statt fragen: Schauen Sie ganz genau hin, achten Sie auf Details und Zusammenhänge. Fahren Sie Ihre Antennen ganz besonders weit aus, um Unterschiede wahrzunehmen zwischen dem, was »gesagt oder getan werden sollte«, und dem, was tatsächlich los ist. Halten Sie darum den Mund, auch wenn der Impuls nachzufragen groß ist. Und seien Sie vor allem geduldig. Wer genauer hinschaut, bekommt mehr mit.
  • Über den Tellerrand schauen: Es ist ganz menschlich, alles, was wir wahrnehmen, in unser bestehendes Denk- und Erfahrungssystem einzuordnen. Gerade Alphas sind sich ihrer sicher und haben oft sehr feste Standpunkte. Beim Beobachten geht es darum, sich zu öffnen. Viele Wege führen nach Rom? Ja! Und welche? Wie machen es andere? Durchs Beobachten bekommen Sie durchaus auch wichtige Impulse und neue Ideen. Doch das Zentrale am Beobachten ist, die Welt da draußen ‒ und die Unterschiede zwischen den Menschen ‒ kennenzulernen. Ihr Ziel ist es, Ihr Erfahrungswissen zu füttern ‒ und damit die Grundlage zu erweitern, die Ihnen auch unbewusst zur Verfügung steht, um Entscheidungen immer besser, sicherer und schneller zu treffen.

* Werbeverhalten von Frauen in zwei Münchner Lokalen: Die Frau ist immer der Jäger … von Barbara Niedner. Dissertation an der Universität München, 1995

** Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre am Gombe-Strom von Jane Goodall. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1996